15.07.2010
Pioniergeist am Hannovermarkt
Der Markt in Wiens 20. Bezirk hat sich ein Management
und dadurch ein neues Bild zugelegt: Er ist bunt, vielfältig und innovativ.
„Man muss es halt einfach tun", sagt Doris Knor, „nachdenken, einen Plan haben und ihn dann umsetzen." Doris Knor ist als Marktmanagerin unter anderem für den Hannovermarkt im 20. Wiener Gemeindebezirk zuständig, und wenn man mit ihr dort in der engen „Knofl’hütte" bei einem Kaffee sitzt, muss sie ganz schön oft grüßend den Kopf heben oder jemandem die Hand entgegenstrecken. Fast im Vorbeigehen spricht sie in wenigen Sätzen den Markttag ab, den Standler des Hannovermarktes im 17. Bezirk halten werden. Das gehört zum Umsetzen – geplant wird im Büro. „Auch wenn es schon Selbstläufer gibt, muss derjenige, der die Verantwortung für eine Veranstaltung trägt, einfach immer dahinter sein, damit etwas weitergeht", sagt Knor.
Sie kennt hier jeden, und jeder kennt sie. Nachdem der Markt 2003 generalsaniert wurde, hat sie im Auftrag der Wirtschaftskammer begonnen, auch beim Angebot und im Marketing des Marktes für Erneuerung zu sorgen. Weil das von einer bestehenden Struktur heraus nicht einfach ist, lohnt es sich, für solcherlei Aufgaben jemanden von außen zu engagieren. Jemand, dem es nicht darum geht, möglichst viele Vorteile für sich selbst zu erzielen und der auch gar nicht erst in den Verdacht kommt, das zu tun. Wie ein Markt sich mit Marktmanagement entwickeln kann, wollten die Stadt Wien und die Wiener Wirtschaftskammer mit Doris Knor am Hannovermarkt ausprobieren. Der Markt in der Nähe des Wallensteinplatzes gilt als Pilotprojekt. Mittlerweile werden noch vier weitere Wiener Märkte übergreifend von Marktmanagern betreut.
Probleme bewältigen
Der Hannovermarkt hatte unter denselben Symptomen zu leiden wie viele Wiener Märkte, wenn sie nicht gerade der Naschmarkt oder der zunehmend beliebtere Brunnenmarkt sind: Das Angebot ist überschaubar und eindimensional, die Stände sind nicht besonders schön anzusehen, alte Kunden bleiben weg und neue kommen erst gar nicht hinzu.
„Vor fünf Jahren stand hier jeder zweite Stand leer, und es gab fast nur Fleischhauer", sagt Knor. Selbst treue, alteingesessene Marktkäufer aus der Brigittenau besorgten sich ihre Lebensmittel lieber an anderer Stelle und schauten nur hin und wieder vorbei, wenn sich samstags auch die Bauern aus dem Umland mit ihren Produkten einfinden.
Nur zu warten, bis die Kunden von selbst wieder kommen, konnte keine Lösung sein. Es musste etwas geschehen.
Auch wenn sich andere Märkte heute den Hannovermarkt mit seinen zwei voll ausgelasteten und bunt bestückten Marktreihen aus Betonhäuschen und den stets aufgeräumten Vitrinen und Obstständen als Vorbild nehmen, hat sich hier nicht alles von einem Tag auf den anderen geändert. Es hat Diskussionen gegeben und Weiterbildung: Hygieneschulungen, Deutschkurse für migrantische Standler und Türkischkurse für österreichische. Die zahlreichen türkischen Fleischhauer lernten auch, wie die Österreicher ihr Rind gerne zerteilt hätten.
„Wir haben zum Beispiel auch standardisierte Arbeitskleidung für die einzelnen Branchen eingeführt, die zentral bereitgestellt und gewaschen wird", sagt Knor. Schon solch kleine Dinge geben dem Markt ein aufgeräumtes und professionelleres Erscheinungsbild.
Die Fleischer der großen Fleischerei Huzur zum Beispiel tragen alle die gleichen, fast blütenweißen Mäntel, während sie sich unter einem Foto von einer Fleischplatte, die die türkische Fahne darstellt, um Kundenwünsche kümmern. Die Fleischhauerei Huzur bietet zwar wie die meisten Fleischer am Markt österreichisches Rind-, Kalb- und Lammfleisch an – nicht aber Schweinefleisch. „Um aber ein umfassendes Angebot bieten zu können, haben wir nach einem Schweinefleischhauer gesucht", sagt Knor. Denn genauso wie im Umfeld des Marktes viele muslimische Familien leben, gibt es hier auch einen breiten Mix aus Österreichern und Migranten aus Osteuropa, für die Schweinefleisch zu den wichtigsten Lebensmitteln zählt. Der Mann, der jetzt also täglich frisch alles vom Schwein und ein bis zwei Mal die Woche sogar gegrillte Spanferkel anbietet, heißt Andilko Guskicˇ, stammt aus Bosnien und arbeitete die letzten Jahre als Koch. Gerade jetzt, wo jedes Wochenende irgendwer irgendwo ein Grillfest organisiert, kommen seine Cevapcici, Pleskavica und Grillwürste besonders gut bei seinen Kunden an. „Wenn jemand für ein Fest vorbestellt, liefern wir natürlich gern", sagt Guskicˇ.
Gleich neben dem Schweinefleischhauer kann man Aciktim Yufka aus der Türkei dabei zusehen, wie sie Blätterteig macht, ein paar Stände weiter ist gerade ein libanesischer Imbiss eingezogen und am anderen Ende der Zeile finden sich zwei Stände, die Waren und Spezialitäten aus Tschetschenien feil bieten. „Der Hannovermarkt ist eben bunt", sagt Doris Knor, „das macht ihn ja aus." Zu den alteingesessenen Ständen gehört der Geflügelstand von Heinz Schreiner, der seine Kunden – immer breit grinsend – auch mit selbst gemachten Fertiggerichten wie Rehragout, Krautfleisch oder Gulasch versorgt. Auch am Fischstand kann man sich nicht nur mit frischem Meeresfisch, sondern auch gleich mit hausgemachten Fischimbissen versorgen. Vera Altmüller ist auch die treibende Kraft hinter zwei Aktionen, die den Markt als ganzen interessanter und bekannter machen sollen. Wenn der Kunde nicht zum Markt kommt, kommt eben der Markt zum Kunden, lautet das Konzept, das viele der Marktstandler nun über sämtliche Herkunftsgeschichten hinweg verbindet. Seit 2009 gibt es deshalb ein eigenes Cateringunternehmen, das die frischen Marktprodukte zu Speisen veredelt und nach Hause oder ins Büro bringt. Auch hier nützt die Vielfältigkeit des Marktes: vom Frühstück über Fingerfood bis hin zum orientalischen Buffet kann der Hannovermarkt Feste oder Veranstaltungen zu einem Genuss werden lassen. Bestellt wird ganz einfach zentral über die Website oder bei Doris Knor. Und dann beginnt es, am Markt zu wuseln.
Dasselbe passiert auch, wenn das sogenannte „Marktkist’l" zusammengestellt wird. „Viele schaffen es nicht, zu den Marktöffnungszeiten vorbeizukommen, oder sind zu alt, um ihre Einkäufe nach Hause zu tragen", sagt Doris Knor. Über das Internet oder per Telefon lassen sich jetzt die Einkäufe vom Markt einfach bestellen. Die einzelnen Kistchen werden zusammengestellt und mit nur einer Rechnung nachhause geliefert. „Das Angebot kommt sehr gut an, obwohl es erst ein paar Monate läuft", sagt Knor. „Die Kunden sind zufrieden und auch am Markt läuft die Zusammenarbeit sehr gut", bestätigt der Fleischer Andilko Guskicˇ.
Durch die getroffenen Maßnahmen hat sich der Hannovermarkt innerhalb weniger Jahre von einem eher verschlafenen Ort wieder zu einem bunten und lebendigen Markt mit einer guten Kundenfrequenz gemausert. Die Stände sind voll, es gibt sogar eine Warteliste. Verglichen mit anderen Wiener Märkten ist’s vor allem die Gastronomie, die noch fehlt. „Und Parkplätze", spricht Heinz Schreiner ein altes Problem an. Vielleicht lässt sich aber auch das noch lösen.
(Redaktion: Martina Bachler)
www.einkaufsstrassen.at/hannovermarkt
Hannover Markt
Hannovergasse
Othmargasse
1220 Wien
Markt:
Montag bis Freitag von 6 bis 19.30 Uhr
und Samstag
von 6 bis 17 Uhr
Gastronomie:
Montag bis Samstag von 6 bis 21 Uhr
Bauernmarkt:
Samstag von 6 bis
15 Uhr




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