15.07.2010
Der Markt entscheidet
Gerade in Zeiten der Krise müssen sich Unternehmer ernsthafte Gedanken zum Thema Finanzierung machen. ecoMIGRA hat bei Raiffeisen-Stadtdirektor Robert Fischer nachgefragt, worauf es ankommt und welche Rolle Ethnobusiness für das Bankhaus spielt.
Wie sehen die ersten Schritte aus, wenn ein migrantischer Unternehmer eine Finanzierung braucht?
Wenn er bei uns Kunde ist, kann er einfach bei seinem Betreuer einen Termin ausmachen. Wenn nicht, stehen ihm in Wien 48 Privatkunden-Standorte zur Verfügung, in denen wir auch KMU-Betreuung machen. Um migrantische Unternehmer optimal betreuen zu können, bieten wir in mehreren Wiener Filialen Beratung in Türkisch und BKS an.
Unterscheidet sich die Beratung für Migranten in wesentlichen Punkten?
Wenn es um den Verwendungszweck eines Kredites geht, ist es vollkommen egal, woher jemand kommt. Wir fordern alle Kunden auf, sich mit ihrer Finanzierung gewissenhaft auseinanderzusetzen. Ich unterscheide dabei nicht, ob es sich um einen Menschen mit Mirgationshintergrund handelt oder nicht. Wir fragen generell sehr genau nach. Das tun wir, weil es unserer eigenen Sicherheit dient, aber auch zum Schutz unserer Kunden. Sehr oft setzen diese sich nämlich erst dann mit dem Thema wirklich auseinander.
Ergeben sich bei der Kreditvergabe Unterschiede, wenn der Antragsteller nicht österreichischer Staatsbürger ist?
Nein, es gelten dieselben Rahmenbedingungen. Der einzige Unterschied ist, dass eine gültige Aufenthaltsgenehmigung vorhanden sein muss. Man braucht auch eine Bescheinigung, dass man in Österreich arbeiten darf.
Welche Unterlagen sind abgesehen davon beizubringen?
Wenn man zum Beispiel einen Investitionsbedarf oder einen höheren Betriebsmittelbedarf hat, brauchen wir die klassischen Unterlagen, die den Erfolg in der Historie bestätigen. Dazu zählen Bilanzen, Gewinn- und Verlustrechnungen, aber auch Einkommenssteuererklärungen.
Für wie viele Jahre benötigen Sie die?
Grundsätzlich für die letzten drei. Wir wollen aber auch in die Zukunft schauen. Egal, was der Kunde vorhat, wir wollen wissen, worauf seine Planung beruht. Wir rechnen Businesscases und hinterfragen die Investitionsvorhaben. Wir sehen uns an, welche Kostenersparnis sich daraus ergibt, welche Umsätze steigen sollen und so weiter.
Wie lange dauert es, bis man die Entscheidung hat?
Üblicherweise drei Werktage – vorausgesetzt wir sind im Besitz aller Unterlagen. Wenn die Investition förderbar ist, macht es Sinn, sie längerfristig zu planen. Die öffentlichen Instanzen brauchen nämlich länger für die Beurteilung.
Unterstützen SieIhre Kunden dabei?
Ja, von der Arbeit machen wir wahrscheinlich rund 80 Prozent.
Wer entscheidet letztendlich über die Genehmigung eines Kredites?
Der Markt entscheidet über das Finanzierungsansuchen. Unsere Risikoabteilung beurteilt nur das Risiko.
Welche Rolle spielt dabei die Branche?
Eine sehr wichtige Rolle. Man muss wissen, was einen von den anderen Anbietern unterscheidet. Wenn man zum Beispiel auf der Mariahilfer Straße ein Lokal aufmachen will, muss man sehr genau wissen, was einen besser als alle anderen macht. Die Entscheidung hat auch mit dem Angebot zu tun. Wenn es sehr viele Anbieter gibt, wird man sich schwerer tun, sich durchzusetzen.
Kommt es öfters vor, dass Projekte aufgrund solcher Analysegespräche adaptiert werden?
Selten! Wir sind ja auch kein Unternehmensberater. Wir geben zwar Denkanstöße aufgrund derer manche Kunden daraufkommen, dass ihre Projekte nicht passen, aber Vorschläge machen wir nicht.
Woran liegt es denn meistens, wenn es nicht klappt?
Ein Grund ist sicherlich oft die Branche – man hat keinen USP. Oder wenn sich jemand selbstständig machen will, weil er keinen Job findet. Ein Unternehmer sollte einen gewissen Reifegrad haben. Sich aus Verzweiflung selbstständig zu machen, ist nicht gut. Man braucht kaufmännisches Verständnis. Auch das Eigenkapital spielt eine wichtige Rolle. Man muss auch unternehmerische Verantwortung tragen.
Welche Bedeutung hat Ethnobusiness für Raiffeisen?
Wir haben damit begonnen, weil wir aufgrund unserer Größe eine gesellschaftspolitische Verantwortung tragen. Wir haben aber auch eine betriebswirtschaftliche Verantwortung. Es gibt in Wien zwischen 500.000 und 600.000 Menschen, die einen Migrationshintergrund haben. Die meisten sind Menschen, die hier dauerhaft leben. Die Zeit der Gastarbeiter ist also vorbei. Ich denke, wenn diese Menschen wissen, dass sie mit ihren Vorhaben denselben Stellenwert haben wie ein Wiener, kann ihnen das auch Selbstvertrauen geben.
Wie sehen Ihre Ziele im Ethnobusiness aus?
Bis 2015 wollen wir mit 70.000 Menschen zusammenarbeiten, die einen Migrationshintergrund aufweisen.
(Interview: Stephan Strzyzowski, Michael Podgorac)
Info
Unterlagen für Finanzierungsanträge in Österreich
- Bilanz, Saldenliste und Businesspläne
- gültiger, amtlicher Lichtbildausweis (z. B. Reisepass oder Führerschein)
- Meldezettel
- Nachweis über den Verwendungszweck
(von Kreditart und Betrag abhängig, z .B. Vorvertrag, Kaufvertrag, Grundbuchauszüge) - Aufenthaltsgenehmigung bei ausländischen Staatsbürgern
- Kreditrestschuldbestätigung bei Umschuldung




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