15.07.2010
Aus der Vielfalt schöpft man Kraft
Er ist seit 46 Jahren im „tollsten Beruf der Welt", im Lebensmittelhandel, tätig und bezeichnet sich selbst als vom Aussterben bedrohter Dinosaurier. Jörg Schielin, Leiter der SPAR Akademie Wien und frisch gebackener Träger des Österreichischen Integrationspreises, spricht im ecoMIGRA-Interview über sein Siegerprojekt „Multikulturelles Lernen".

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Jörg Schielin hat einst selbst bei Julius Meinl eine Lehre gemacht und bald danach begonnen, sich für die Aus- und Weiterbildung zu engagieren. Er gründete die Meinl-Akademie, die nach der Übernahme durch SPAR fortgeführt und weiterentwickelt wurde. Dort vermittelt er mit dem Fach „Kulturpflege" Inhalte, die nicht nur SPAR-Lehrlinge dringend fürs Leben brauchen.
Worum geht es beim Projekt „Multikulturelles Lernen"?
Da muss ich etwas weiter ausholen. Schon Julius Meinl war 1906 mit der Schulausbildung nicht zufrieden. Er wollte neben einer wesentlich besseren Fachausbildung eine bessere Allgemein- und Charakterbildung vermitteln. Heute nennt man das ganzheitliche, nachhaltige Bildung, aber im Grunde machen wir das seit 1906. Der Handel ist multikulturell. Wir haben Waren aus aller Welt, wir haben Kunden aus aller Welt, und wir haben Mitarbeiter aus aller Welt.
Was ist aus der Idee von Meinl geworden?
1958 hat man sich den Gegenstand „Kulturpflege" einfallen lassen und begonnen, die Themen Ethik, Moral, fremde Kulturen und Weltreligionen im Sinne eines wertschätzenden Miteinanders zu behandeln. Heute habe ich rund 300 Lehrlinge aus 22 Nationen und 12 Glaubensgemeinschaften im Haus. Religion spielt für das Verständnis anderer Kulturen eine wichtige Rolle, aber „Kulturpflege" ist kein Religionsunterricht. Der wäre nur ein trennendes Fach und würde kein Miteinander erzeugen.
Was genau wird unterrichtet?
Wir unterhalten uns über Kulturen, Jahresabläufe, Feiertage, aber natürlich auch über religiöse Speisetraditionen und Vorschriften. Wir holen uns Gastvortragende und machen viele Exkursionen. Wir besuchen verschiedene Kirchen, Klöster und Moscheen und lernen die Jahresabläufe der Kulturen, ihre Sitten und Bräuche kennen. Ergänzt wird das durch Projekte wie Outdoorseminare, Crash-Kurse in gutem Benehmen bis hin zu Antirassismus-Seminaren und politischer Bildung. Wir gehen ins Parlament und in die UNO City. Wir schauen uns an, wie Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen gemacht werden. Ich möchte, dass meine Schüler kritische, aber offene Menschen werden und sich überlegen, wo sie sich einbringen können.
Lernen Sie da selber auch noch dazu?
Natürlich! (lacht) Ich bin ja erst im 46. Lehrjahr! Ich interessiere mich für all diese Sachen. Ich will mir nicht nur die Al-Aqsa Moschee im Urlaub anschauen, sondern auch die Mosche in Wien.
Was passiert mit den Jugendlichen während dieser Ausbildung?
Das ist insgesamt eine sehr prägende Zeit. Es ist ja kein besonders einfaches Alter, in dem wir die Ehre und Verantwortung haben, die jungen Menschen zu begleiten. Ich kenne keinen zwischen 15 und 19, der keine Probleme hat. Das geht von harmlos bis gravierend. Am ersten Lehrtag bekommt jeder von mir meine Visitenkarte und Handynummer und ich bin ab da 24 Stunden erreichbar. Wir wollen den Lehrling als Mensch wertschätzen und ihm dabei helfen, nicht nur Fachkenntnisse, sondern auch soziale Kompetenz zu erwerben. Ich habe schon Tausende Jugendliche gesehen und glaube immer noch, dass jeder einzelne ganz besondere Fähigkeiten besitzt.
Was bringen die Jugendlichen an Rüstzeug mit?
Viele kommen aus nicht intakten Verhältnissen und haben soziale Defizite. Das kann man ignorieren, aber das ist nicht unser Weg. Wir versuchen, den Jugendlichen wertschätzend zu helfen. Wenn ich Jugendliche ausbilde, dann bilde ich unsere Führungskräfte von morgen aus. Das ist für uns kein Schlagwort. Nach vier Jahren kann man bei uns eine Abteilung leiten.
Was ist für Lehrlinge heute anders als früher?
Die Chancen sind größer geworden. Der Jugendliche kann heute viel früher zur Fach- oder Führungskraft werden, bereits mit 19 Jahren eine Abteilung und mit 22 Jahren einen ganzen Markt leiten.
Haben österreichische Jugendliche andere Probleme als nicht österreichische?
Man kann das nicht pauschalieren. Nach Reisepass habe ich ja 80 Prozent Österreicher. Mir ist im Grunde egal, wo der Jugendliche herkommt. Wir haben die verantwortungsvolle Aufgabe ihn drei Jahre bestmöglich zu begleiten. Manche brauchen Hilfe im Bereich der Kommunikation, manche im Bereich der sozialen Kompetenz.
Stimmt das Klischee, vom fleißigen, zielstrebigen Migranten und vom verwöhnten, desinteressierten
österreichischen Jugendlichen?
Es gibt wohlstandsverwahrloste Österreicher, die haben keine Eltern zu Hause ,sondern Produzenten. Andere haben Schwierigkeiten aufgrund problematischer Verhältnisse wie Arbeitslosigkeit, Armut, Gewalt und Drogen. Viele sind durch das Schulsystem demotiviert, weil man ihnen dort immer nur gesagt hat, was sie alles nicht können. Im Extremfall hat man ihnen dort sogar gesagt, sie seien eben zu dumm für die Schule und müssten deshalb jetzt arbeiten gehen. Migranten sehen teilweise tatsächlich eine unendliche Chance, hier etwas aufzubauen, es gibt aber auch da Jugendliche, die sich wenig zutrauen. Das hängt oftmals von der Familiensituation und dem Bildungsgrad der Eltern ab und weniger von der Herkunft.
Was könnte sich denn die Gesellschaft von Ihrem Projekt abschauen?
Das Bildungssystem ist reformbedürftig. Die Wirtschafts- und Arbeitswelt kommt viel zu wenig darin vor. Jugendliche haben kaum Ahnung, was sie wirklich gut können und in welchen Berufen das gebraucht werden könnte. Wir sollten Bildungs- und Berufsberatung in großem Umfang machen, denn wir können uns diese Drop-Out-Raten nicht mehr leisten. Mir tut jeder
Jugendliche leid, der nicht weiß, was er kann. Die Gesellschaft sollte menschlicher agieren, die Persönlichkeiten wertschätzen und Jugendlichen mehr Vertrauen entgegenbringen. Man
sollte vor allem zurückdenken, wie man selber als Jugendlicher war und welche Freude man hatte, wenn man eine Chance
bekommen hat.
Derzeit reden alle von „Diversity". Was fangen Sie mit dem Begriff an?
Es hat im Laufe der Jahrzehnte schon so viele Modebegriffe gegeben und leider hat es sich oft auch um kurzfristige Moden gehandelt. Für mich ist ein kontinuierlicher, nachhaltiger Prozess wichtig, und das ist eine Frage der Grundeinstellung. Es geht um Unternehmensphilosophie, unternehmerische Ethik und vor allem um gelebte Praxis. Wir sind ein Familienunternehmen, und das spürt man. Unsere Eigentümer sitzen im Vorstand und treffen operative Entscheidungen. Man kann mit ihnen über Bedürfnisse von Menschen reden. Wir begegnen uns in einer wertschätzenden, menschlichen Art.
Das allgemeine Klima gegenüber Migranten wird aber zusehends rauer. Es steht uns ja heuer auch noch ein Wiener Wahlkampf bevor …
Ja, natürlich wird das Klima rauer. Gerade da ist es wichtig, anhand von Modellen und Konzepten zu zeigen, wie es anders geht. Und es geht anders! Ich hoffe, dass durch uns viele animiert werden, ähnliche Wege zu gehen, denn es ist ein Erfolgskonzept, kein Marketinggag.
Gibt es Erfahrung mit intoleranten Kunden?
Natürlich. Das ist ein heikles Thema, denn alle Kunden sind uns lieb und wert. Es gibt tolerante und weniger tolerante. Die weniger Toleranten fahren zwar in aller Herren Länder auf Urlaub, wollen aber zu Hause nicht von Menschen aus diesen Ländern an der Feinkost bedient werden. Wien ist Nummer eins bei der Lebensqualität, und das liegt auch an der traditionellen Weltoffenheit dieser Stadt.
Hintergrund
Für das Projekt „Kulturpflege - Multikulturelles Lernen in der Spar Akademie Wien" erhielt die Handelskette Anfang Juni den Österreichischen Integrationspreis in der Kategorie „unternehmen & arbeiten."
SPAR Österreich ist weltweit das einzige Handelsunternehmen, das eine eigene, vom Staat anerkannte, Berufschule betreibt. In der SPAR Akademie wird der Unterrichtsgegenstand „Kulturpflege" geführt, der Sozialkompetenz, interkulturelle und interreligiöse Kompetenz, Zivilcourage und Toleranz vermittelt. Dieser Gegenstand ist in Österreich einzigartig und inhaltlich beispielgebend.
Um die Chancen der Integration sichtbarer zu machen und zu stärken, haben österreichische Unternehmen und Interessenverbände unter Koordination des Vereins „Wirtschaft für Integration" gemeinsam mit dem ORF den „Österreichischen Integrationspreis" ins Leben gerufen. Der „Österreichische Integrationspreis 2010" wurde in den vier Kategorien „anpacken & initiativ sein", „bilden & befähigen", „unternehmen & arbeiten" sowie „fördern & unterstützen" vergeben.
www.spar.at ,
http://karriere.spar.at
www.integrationspreis.at
(Redaktion: Stefan Böck)

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Der österreichische Wirtschaftsverlag gibt ab sofort das Consumermagazin für Unterhaltungs-elektronik allesdigital.at heraus und übernimmt das dazu gehörige Webportal allesdigital.at
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