15.07.2010
Ethnobusiness startet durch
Unternehmergeist, kreative Ideen und ein vielseitiges Kulturverständnis machen migrantische Betriebe zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in Österreich. ecoMIGRA zeigt, wie viel Potenzial im Ethnobusiness steckt.

Der türkische Bäcker ums Eck, der Promi-Treff mit Blick auf den Stephansdom, das Technologieimperium oder das quirlige Lebensmitteluniversum am Naschmarkt: Jeder dritte Betrieb in Wien hat einen migrantischen Hintergrund. Das sind laut Wirtschaftskammer 16.000 Einzelunternehmer allein in der Bundeshauptstadt. Österreichweit zählt man 57.100 Migranten, die statt einer Anstellung den Sprung in eine selbstständige Tätigkeit gewagt haben und so zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Alpenrepublik geworden sind. Obwohl ein Großteil der Unternehmen, die von einstigen Zuwanderern und ihren Nachkommen gegründet wurden, auch heute noch Ein-Personen-Betriebe sind, sichert das Ethnobusiness laut Wirtschaftskammer allein in Wien rund 5.000 Arbeitsplätze – Tendenz stark steigend. Doch wer sind diese Unternehmer, deren Bedeutung immer stärker wird?
Neue Unternehmergeneration
So viel steht fest: Seitdem ausländische Arbeitskräfte in den frühen 1980er-Jahren oftmals aus einem Mangel an Alternativen einen eigenen Betrieb gründeten, hat sich vieles verändert. Ausbildung und professionelles Auftreten sind wichtiger geworden, ihre Zielgruppen haben sich erweitert und der Weg in die Selbstständigkeit entspringt heute in den meisten Fällen einem Wunsch nach Selbstverwirklichung statt einer Überlebensstrategie. „Für uns war schon früh klar, dass wir nicht die Typen sind, die sich als Angestellte mit ihren Vorgesetzten auseinandersetzen wollen", erzählen die gebürtigen Polen Aleksandra und Damian Izdebski, die hinter der Erfolgsgeschichte des Computerfachmarktes DiTech stehen. Was 1999 als One-Man-Show mit einem kleinen Büro begann, hat sich heute zu einer 3.000 m2 großen IT-Welt hinter einer modernen, rot-grau schimmernden Fassade eines Business-Komplexes im 20. Wiener Gemeindebezirk entwickelt. Geschäftiges Treiben herrscht an der runden Theke im Erdgeschoß, an der sich die Mitarbeiter viel Zeit nehmen, um ihren Kunden die technischen Produkte näher zu bringen. Mit 14 Standorten, 250 Angestellten und einem Vorjahresumsatz von rund 74 Millionen Euro hat sich das Fachgeschäft zum österreichischen Marktführer entwickelt.
Dass Migration ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, davon sind die beiden Geschäftsführer überzeugt. „Jemand, der versucht hier etwas aufzubauen und damit Arbeitsplätze schafft, trägt natürlich dazu bei, dass die Wirtschaft wächst", sagt Damian Izdebski. „Die Ökonomie in Österreich kann nur dann überleben, wenn sie auch neue Impulse bekommt, durch Menschen, die hierher kommen und ihren Beitrag dazu leisten", fügt Aleksandra Izdebska hinzu.
„Das Angebot der migrantischen Unternehmer ist vielfältiger geworden", beobachtet Sami Akpinar, Ethnischer Beauftragter der Wirtschaftskammer Wien (WKW). Noch vor einigen Jahren zeichnete sich je nach Nationalität eine relativ klare Branchenverteilung ab: Neun von zehn Unternehmern mit polnischen Wurzeln waren in Gewerbe und Handwerk tätig, während sich Gründer aus der Tschechoslowakei und ihren Nachfolgestaaten zusätzlich auf den Bereich Information und Consulting konzentrierten. Transport- und Verkehrswesen entwickelten sich zu Hauptbranchen von Migranten aus Ex-Jugoslawien und jeder zweite türkischstämmige Geschäftsmann war im Handel tätig. „Heute bewegen wir uns von dieser Branchenfixiertheit weg", sagt Akpinar. Rund 40 Prozent der migrantischen Unternehmer sind laut Angaben der Statistik Austria im Handel- und Reparaturgewerbe, im Bereich des Verkehrs und der Nachrichtenübermittlung und der persönlichen Dienstleistungen tätig. Gerade in diesen Branchen haben sie sich zu einem entscheidenden Wirtschaftsfaktor entwickelt, liegen doch die Anteile deutlich über denen der österreichischen Unternehmer.
Selbstverwirklichung vs. Notlösung
Wer ursprünglich nicht aus der Alpenrepublik stammt, hat eine höhere Bereitschaft, ein Unternehmen zu gründen – allein in Wien haben das im vergangenen Jahr Menschen aus 91 verschiedenen Ländern getan. Laut Angaben des Österreichischen Integrationsfonds sind besonders Zuwanderer aus dem Nahen Osten, aus den alten EU-Ländern, aus Amerika, Ozeanien und aus Afrika öfter unternehmerisch tätig als der Durchschnittsösterreicher. Diese besondere Gründungsfreude hängt aber nicht nur mit einem größeren Drang nach Selbstverwirklichung zusammen.
Auch die Tatsache, dass man selbst gut ausgebildete Arbeitskräfte hierzulande nicht immer mit offenen Armen empfängt, spielt eine Rolle, wie der türkischstämmige Experte für Integrations- und Diversitätsfragen, Kenan Güngör, beobachtet: „Wir brauchen Zuwanderung, wollen sie aber nicht – das ist die Aussage der österreichischen Politik, die sicher nicht dazu beiträgt, dass sich qualifizierte Zuwanderer gerne hier niederlassen."
Auch die Finanzierung einer neuen Geschäftsidee könnte in Österreich zu einem Problem werden, gibt Damian Izdebski zu bedenken: „Einerseits will man Unternehmer hier haben, andererseits ist es sehr schwer, an das notwendige Geld zu kommen. Ich könnte mir schon vorstellen, dass das gerade für Gründer aus dem Ausland noch schwieriger ist."
Vorteil durch vielfältige Wurzeln
„Ich bin Österreicher, und so sehen mich auch die Leute in Europa", sagt der gebürtige Kroate Davor Sertic, Geschäftsführer des Speditionsunternehmens Unitcargo. Die größte Stärke seines Betriebs, der sich auf Transporte von Skandinavien bis nach Osteuropa oder die Türkei spezialisiert hat, liegt in der Vielfalt seiner Mitarbeiter. In der Zentrale im 15. Wiener Bezirk gehört ein produktives Miteinander von verschiedensten Kulturen zur Tagesordnung: Türkisch, Kroatisch, Deutsch – ein Geräuschteppich aus vielen Sprachen schwebt durch das offene Büro. „Der Migrantionshintergrund unserer Mitarbeiter ist ein absoluter Vorteil. Natürlich kommt man viel weiter, wenn man sich mit einem Türken auf Türkisch unterhält, statt auf Englisch – das ist ja die Herzenssprache der Leute", erklärt Sertic. Auch für seine insgesamt 12 Angestellten sei es motivierend mit dem eigenen Mutterland, dessen Wirtschaft und der Kultur in Kontakt zu treten. Genau diese globale und zukunftsweisende Unternehmensstruktur zeichnete die WKO im vergangenen Jänner mit dem „DiversCity-Preis" aus.
Denn gerade im vielseitigen Kulturverständnis von migrantischen Unternehmern liegt deren großes Potenzial, wie auch der Wirtschaftsstandort Österreich in den vergangenen Jahren zunehmend erkannte. Mit dem Diversity-Referat wurde von der WKW eine wichtige Anlaufstelle eingerichtet, die aktiv auf ethnischen Ökonomen zugeht und versucht, durch gezielte Veranstaltungen oder mehrsprachige Informationen für mehr Transparenz im heimischen Business-Dschungel zu sorgen. Auch Ali Rahimi, Teppichhändler, Netzwerker und gebürtiger Iraner rief gemeinsam mit Bankmanager Georg Kraft-Kinz 2009 den Verein „Wirtschaft für Integration" ins Leben.
Ziel der Institution ist es, durch verschiedenste Projekte – vom Redewettbewerb bis zum Österreichischen Integrationspreis – die Aufmerksamkeit von Wirtschaft, Politik und Bevölkerung auf das brachliegende Potenzial zu lenken.
FrauenPower aus dem Ausland
„Heute gibt es weit mehr als nur Kebab-Buden oder kleine, unprofessionelle Läden – es gibt richtige Geschäftsmänner mit Businessplänen", sagt Hatice Isleyen, eine der wenigen weiblichen Unternehmerinnen aus der Türkei. Als sie 1990 von Istanbul nach Österreich kam, waren ihr Kultur und Sprache vollkommen fremd. Heute leitet sie bereits seit elf Jahren ihren Frisörsalon „Hatis Hairstudio" in Wien und plant diesen zukünftig noch zu vergrößern.
„Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe", sagt die Geschäftsfrau und fügt hinzu: „Natürlich war es nicht leicht, aber wenn man sein Ziel erreichen möchte, muss man dafür kämpfen." Eine solide Berufsausbildung, eine große Portion Ehrgeiz und vor allen Dingen gute Sprachkenntnisse sind für die gebürtige Türkin Grundvoraussetzungen für einen erfolgreichen Unternehmer: „Gerade in der Friseurbranche musst du jeden Tag mit der Kundschaft kommunizieren, und 95 Prozent davon sind eben Österreicher."
Ihr Tipp an Migranten, die sich auch selbstständig machen wollen: „Nach dem Motto ,Augen zu und durch‘ funktioniert nichts. Man muss sich das sehr gut überlegen, sich darauf vorbereiten und auf jeden Fall ein Konzept erstellen."
Vom Callshop bis zum Reisebüro, vom Sprachzentrum bis zum Restaurant oder von der Modeboutique bis zum IT-Spezialisten: Die Liste der multikulturellen Erfolgsgeschichten ist so vielfältig wie die Wurzeln ihrer Gründer. „Gerade die neue, zweite oder dritte Generation migrantischer Unternehmer ist professioneller und informierter, als es die erste Generation war – aber natürlich ist auch das noch ausbaufähig", fasst Kenan Güngör die Entwicklungen zusammen. Soziale und gesellschaftliche Integration sind dabei Grundvoraussetzungen, um aus Österreich eine weltoffene, international vernetzte und vielfältige Wirtschaftsnation zu machen. Das Potenzial ist also auch hier noch lange nicht ausgeschöpft. 

Info
Unternehmensgründung Österreich
Grundsätzlich gelten für Gründer mit ausländischer Staatsbürgerschaft die gleichen Voraussetzungen wie für Österreicher.
Wer aus einem Land außerhalb der EU kommt, braucht einen Aufenthaltstitel. Bei Selbstständigen ist die Voraussetzung dafür ein Nachweis über eine länger als sechs Monate dauernde selbstständige Tätigkeit (www.wien.gv.at ).
Wer aus einem EU-Land stammt oder in den letzten fünf Jahren nicht in Österreich gearbeitet hat, benötigt zur Unternehmensgründung einen Strafregisterauszug.
(Redaktion: Christina Leitner)

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ecoMIGRA

allesdigital.at
Der österreichische Wirtschaftsverlag gibt ab sofort das Consumermagazin für Unterhaltungs-elektronik allesdigital.at heraus und übernimmt das dazu gehörige Webportal allesdigital.at
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